Bis vor wenigen Jahren galt Sergej Rachmaninow vor allem als Komponist schwermütig-virtuoser Klaviermusik, der die schwelgerische Spätromantik ins 20. Jahrhundert zu retten versuchte. Inzwischen jedoch wird das Schaffen des Russen sehr viel breiter wahrgenommen; die kompositorischen Qualitäten seiner Chor- und Orchesterwerke finden immer mehr Bewunderung. Die „Allnächtliche Vigilie“, die Rachmaninow Anfang 1915 innerhalb von wenigen Wochen zu Papier brachte, zählte er selbst zu seinen bedeutendsten Werken. Verwendet werden Texte aus den Stundengebeten des Offiziums – aus der abendlichen Vesper sowie der Matutin des folgenden Morgens. Die 15 A-cappella-Sätze verbinden die schlichten traditionellen Gesangsweisen der russischen Kirchenmusik mit der feinen Satzkunst und der immensen Klangfantasie des Romantikers. Rachmaninow macht sich die religiösen Vorstellungen der liturgischen Texte rückhaltlos zu eigen. Wie alle großen Sakralkomponisten vor ihm erfüllt er die rituellen Vorgaben mit so viel Subjektivität, dass man unmittelbar persönlichen Äußerungen zu lauschen glaubt.
Für das Collegium Vocale Gent, das 1970 gegründete Solistenensemble, dessen Aufführungen der großen Chorwerke Bachs unter Leitung von Philippe Herreweghe seit vielen Jahren einen geradezu legendären Status genießen, bedeutet die Beschäftigung mit der Klangwelt Rachmaninows eine wichtige Erweiterung des Repertoires. Schließlich waren dessen herrliche Chorwerke in Russland zu Sowjet-Zeiten aus politischen Gründen kaum zu hören, während sie im Westen in der Hochzeit der Moderne noch gar nicht Fuß gefasst hatten. Erst nach 1990 setzte eine verspätete Wiederentdeckung ein. Der lettische Chorleiter Kaspars Putninš, seit vergangener Spielzeit Chefdirigent des Schwedischen Rundfunkchors, hat zahlreiche viel gelobte Platteneinspielungen vorgelegt; er ist aufs Engste vertraut mit der verinnerlichten Spiritualität der Sakralmusik des Ostens von Pärt bis Schnittke.
