Sonderkonzert „Atemübungen“

Es war ein Festival wie nie zuvor – Corona-bedingt waren die Niedersächsischen Musiktage gemeinsam mit dem Literaturfest Niedersachsen 2020 als „Festivals aufm Platz“ auf öffentlichen Plätzen on tour. Am 20. Oktober 2020 endete die außergewöhnliche Festivalsaison mit dem Sonderkonzert „Atemübungen“ in Zusammenarbeit mit NDR Kultur.

Die Veranstaltung stellte in einem moderierten Format vier eigens für den Abend erarbeitete Beiträge herausragender Solisten und Ensembles vor. Beteiligt waren der NDR Chor unter Leitung von Klaas Stok, die Bratscherin Tabea Zimmermann, der Klarinettist Kinan Azmeh gemeinsam mit Jazz-Pianist Florian Weber sowie die Capella de la Torre zusammen mit dem Karateka Maurizio Castrucci. „Atemübungen“ lautet die Überschrift des klingenden Essays, der unterschiedliche Aspekte des mündlichen Luftaustauschs mit der Umwelt auf assoziative Weise umkreisen sollte.

 

„Es ist und bleibt ein Glück, vielleicht das Höchste, frei atmen zu können“, lautet ein bekannter Satz von Theodor Fontane. Selten klang er aktueller als jetzt, da genau dies zum vordringlichen Problem des Alltags geworden zu sein scheint. Nicht nur Daseinsvoraussetzung ist der Odem, überlebenswichtiger Austausch von Außen und Innen, von Welt und Individuum. Sondern auch physikalischer Träger von Sprache und Gesang, Taktgeber musikalischer Spannung und Entspannung – und wichtigstes Vehikel echter Spiritualität.

Atem Geist Leben heißt das A-cappella-Werk, das der Hamburger Komponist und Organist Thomas Cornelius für den klein besetzten NDR-Chor geschrieben hat. Cornelius’ Partitur, deren Uraufführung das Programm eröffnete, spürt den feinen Übergängen zwischen organischen und künstlerischen Momenten der Luftzirkulation beim Singen nach.

Tabea Zimmermann, die große Bratschistin, die 2020 mit dem zuweilen als „Nobelpreis der Musik“ bezeichneten Ernst-von-Siemens-Musikpreis für ihr Lebenswerk geehrt wurde und derzeit Artist in Residence der Berliner Philharmoniker ist, konfrontierte die stilisierten Tanzsätze von Bachs Vierter Cellosuite in Es-Dur mit kurzen Stücken von György Kurtág.

Kinan Azmeh, der aus Damaskus stammende, seit vielen Jahren in New York lebende Klarinettist, und sein Klavierpartner, der Jazzpianist Florian Weber, beschäftigten sich in ihrem Dialog damit, wie aus elementaren Gesten komplex gegliederte Improvisationsbögen entstehen können.

Katharina Bäuml und ihre Capella della Torre haben zusammen mit dem italienischen Karatemeister Maurizio Castrucci ein einzigartiges Projekt unter dem Titel „Dimensions“ entwickelt. Die kunstvolle Mehrstimmigkeit der Missa pange lingua (nach 1514) von Josquin Desprez trifft dabei auf die ritualisierten Bewegungsfolgen und Atemrhythmen der traditionellen japanischen Kampfkunst.

NDR Kultur-Redakteur Ludwig Hartmann und Anselm Cybinski, Intendant der Niedersächsischen Musiktage, sprachen mit den Künstlerinnen und Künstlern und führten moderierend durch das Programm.

Die Veranstaltung wurde ermöglicht mit Mitteln der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, NDR Kultur, der Sparkasse Hannover sowie der Stiftung Niedersachsen, die die Entwicklung des Projekts „Dimensions“ unterstützt hat.

Ausstrahlung der Konzertaufzeichnung: 2.11.2020 um 20.00 Uhr auf NDR Kultur („Welt der Musik“)