Unser Thema: „Rituale“

Den tieferen Wert des Vertrauten – oft erkennen wir ihn erst, wenn ein Riss entsteht und es plötzlich fehlt. So ist es in diesen Monaten: Viele Rituale des Alltags, des Jahreslaufs oder des öffentlichen Lebens sind derzeit kaum zu praktizieren. Weil sich Menschen, viele Menschen, in diesen Ritualen begegnen, sich mittels ihrer verständigen und zur Gruppe vereinigen. Lange Zeit galten Rituale als tendenziell rückständig, als ewige Wiederholung vorgegebener Abläufe: das Gegenteil eines modernen – spontanen, individuellen und authentischen – Lebensstils. Dabei wissen wir doch, wie viel Halt, wie viel Orientierung solche kollektiven Handlungen zu geben vermögen. Und erfinden gleich wieder neue, aus der Not geborene.  

Rituale begleiten und regeln die schwierigen Übergänge zwischen biographischen, spirituellen und politischen Zuständen. Sie fordern Disziplin und regen die Fantasie an, sie vermitteln das Gefühl von Beständigkeit und Stabilität. Dabei wurden die meisten von ihnen erfunden, um Brüche und Verwerfungen zu überbrücken und über Momente der Verunsicherung hinwegzuhelfen. Tanz, Gebet oder Feier: Gerade die Musik ist seit jeher eng mit rituellen Praktiken verbunden. Und als sich das bürgerliche Konzertleben zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur selbständigen Kunstform etablierte, da entstanden im abgedunkelten Saal gleich wieder ganz eigene Rituale. Bei den Niedersächsischen Musiktagen wollen wir über sie nachdenken: Zusammen mit bekannten Solisten und exzellenten Ensembles befragen unsere Veranstaltungen zeremonielle Musikformen und schaffen Verbindungen zu Ritualen unterschiedlicher Kulturen und Zeiten.