Das Hohelied der Liebe
Von Komponisten geachtet, von manchem Bibelkreis geächtet: Die über 2000 Jahre alte Liedersammlung beschreibt wie kein anderer Bibeltext die Liebe in ihrer ganzen Körperlichkeit. Ein Streifzug durch die schönsten Hohelied-Vertonungen – zu erleben mit dem Ensemble Weserrenaissance.
Wenig bibelfeste Leser staunen nicht schlecht, wenn sie erfahren, dass König Salomos Hohelied der Liebe ein Buch des alten Testaments ist. Mit etwas Phantasie lesen sich die bildmächtigen Schwärmereien eines jungen Paares wie expressionistische Liebeslyrik: Makellose Zähne werden mit »einer Herde frisch geschorener Schafe« verglichen, Schenkel werden zu »Säulen von weißem Marmor« und Augen gleichen »Tauben«.
Seit jeher hat dieser alles andere als prüde Text die Komponisten zu unzähligen Hohelied-Vertonungen inspiriert. Vor allem die Meister der Renaissance nahmen sich gern der schönen Texte an, die dem weisen Salomo zugeschrieben werden: angefangen bei Guillaume Dufay, in dessen Wirken seine Zeitgenossen den Beginn der »wahren« Musik sahen, bis hin zu Claudio Monteverdi, einer der herausragenden Figuren auf der Schwelle zum Barock.
Es dauerte lange, bis die Musik der Renaissance vom Randphänomen zum relativ beständigen Gast im Konzertsaal avancierte. Geschuldet ist diese erfreuliche Entwicklung nicht zuletzt kreativen Köpfen wie dem Bremer Musikforscher und Dirigenten Manfred Cordes, der Entscheidendes dazu beigetragen hat, dass wir uns heute ein plastisches Bild von den Anfängen der musikalischen »Neuzeit« machen können. Auf den Niedersächsischen Musiktagen unternimmt Cordes mit seinem Ensemble Weser-Renaissance Bremen, einem der besten auf dem Gebiet der Musik des 15. bis 17. Jahrhunderts, einen auf- und anregenden Streifzug durch die schönsten Hohelied-Vertonungen zwischen Dufay und Monteverdi.
Das schier unerschöpfliche Thema »Die Liebe« steht im Zentrum der 20. Niedersächsischen Musiktage. Vier Wochen lang begibt sich Niedersachsens größtes Musikfestival in 70 Konzerten auf die facettenreichen Spuren der Liebe – quer durch alle Epochen und Genres.
Karten und Informationen: www.musiktage.de und Hotline 0511/360 33 33.
Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.
Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.
Konzerttermin:
17.09.2006, 17 Uhr, St. Matthäus-Kirche, Melle
Programm:
Anima mea liquefacta est (Meine Seele ist dahingeschmolzen)
. gregorianisch
. à 3 Guillaume Dufay (um 1400–1474)
Quam pulchra es (Wie schön bist du)
. à 4 Costanzo Festa (1480–1545)
Veni electa mea (Komm, meine Auserwählte)
. à 4 Heinrich Isaac (vor 1450–1517)
Quae est ista (Wer ist sie)
. gregorianisch
. à 4 Francisco Guerrero (1528–1599)
. à 5 Giovanni P. da Palestrina (1525–1594)
Tota pulchra es (Vollkommen schön bist du)
. gregorianisch
. à 4 Ludwig Senfl (ca. 1490–1543)
. à 4 Orlando di Lasso (1532–1594)
. à 6 Johann Stobaeus (1590–1646)
Vulnerasti cor meum (Du hast mein Herz verwundet)
. à 5 Giovanni P. da Palestrina
. à 12 Andreas Hakenberger (1574–1627)
PAUSE
Veni in hortum meum (Komm in meinen Garten)
. à 8 Jacob Praetorius (1586–1651)
O quam tu pulchra es (Oh, wie schön bist du)
. à voce sola Alessandro Grandi (gest. 1630)
Veni dilecte mi (Komm, mein Geliebter)
. à 6 Heinrich Schütz (1585–1672)
Mein Freund komme
. à 5 Johann Vierdanck (1605–1646)
Audi coelum (Höre, oh Himmel)
. à 4 Claudio Monteverdi (1567–1643)
Ich beschwöre euch
. à 7 Heinrich Schütz
Adiuro vos (Ich beschwöre euch)
. à 5 Domenico Mazzocchi (1592–1665)
Liebster, sagt in süßen Schmerzen
. à 4 Heinrich Schütz
Vidi speciosam
. à 12 Andreas Hakenberger