15.07.2005
Selbstbewusstsein gegen Gewalt
Das norwegische Vertavo Quartet bei den Niedersächsischen Musiktagen
Zwei seiner stärksten Werke schrieb Ludwig van Beethoven 1809 in Wien, während die Stadt von Napoleons Truppen belagert und erobert wurde. Ein Klavierkonzert und ein Streichquartett, beide in Es-Dur, beide Belege für souveränes künstlerisches Sich-Behaupten gegenüber der Gewalt. Ironie der Geschichte, dass diese Werke dann in eben der Stadt uraufgeführt wurden, bei der Napoleon 1813 die entscheidende Niederlage erlitt - in Leipzig. Zehntausende verloren in dieser »Völkerschlacht« ihr Leben, wie, gut hundert Kilometer weiter und 135 Jahre später, bei der Zerstörung Dresdens.
Auch dieser blutige Wendepunkt der Weltgeschichte ist verbunden mit einer künstlerischen Selbstvergewisserung höchsten Ranges. 1960 hielt sich Dmitri Schostakowitsch in Dresden auf, um die Musik zu einem sowjetischen Film über das Bombardement zu schreiben. Nebenher, in nur drei Tagen, entstand dabei eine weitaus bedeutendere Musik, das 8. Streichquartett. Dessen offizielle Widmung »Zum Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges« verbirgt, dass Schostakowitsch hier ein Selbstporträt schuf...
So wird auch in diesem Quartett nicht der politische Appell, sondern die Identität des Künstlers zum eigentlichen Statement gegenüber Gewalt und Zerstörung. Jüngstes Werk in dem Musiktage-Konzert auf den Spuren des Krieges ist das 8. Streichquartett des Dänen Per Norgard von 1997. Der führende skandinavische Komponist bezieht sich auf Texte des Dichters Guillaume Apollinaire zum Ersten Weltkrieg.
Gespielt werden die drei Streichquartette vom Vertavo Quartet aus Norwegen. Seit ihrem triumphalen Erfolg beim Internationalen Kammermusikwettbewerb in Melbourne 1995 haben sich die vier Musikerinnen einen Platz in der obersten Liga gesichert, arbeiten zusammen mit Künstlern wie Sabine Meyer, Isabelle van Keulen und Leif-Ove Andsnes und spielten für Simax und BIS zahlreiche Werke auf CD ein - zuletzt die sechs Streichquartette von Bela Bartok.
»Krieg und Frieden« ist das Thema der 19. Niedersächsischen Musiktage - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor hoch aktuell. Vier Wochen lang macht sich Niedersachsens größtes Musikfestival in über 70 Konzerten auf die Suche nach Krieg und Frieden in allen Epochen und Genres. Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.
Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.