15.07.2005
Ränder einer Zwischenzeit
Die NDR Radiophilharmonie bei den Niedersächsischen Musiktagen
Seit dem Ersten Weltkrieg, schrieb rückblickend der Komponist Ernst Krenek, »ist die Welt nicht wieder geworden, was sie in unserer Vorstellung einmal gewesen ist, und ich habe die Periode von 1918 bis 1933 nur als ein Intermezzo vor der nächsten Katastrophe betrachtet.«
Musik von den Rändern dieser Zwischenzeit prägt das Musiktage-Programm der NDR Radiophilharmonie. Es zeigt den Wandel der Ästhetik von Ravels »La Valse« (1920) bis zu Brittens Violinkonzert, 1939 im kanadischen Exil vollendet.
In »La Valse« erlebt man die hoffnungslosesten Zuspitzungen, die Ravel je komponierte. Die chromatischen Verzerrungen, die immer brutaler werdenden Betonungen sind vom nostalgischen Behagen etwa eines »Rosenkavalier« um mindestens die lebensgefährlichen Kilometer entfernt, die Ravel als Militärfahrer anno 1916 zurücklegte. Im Chaos am Schluss des Werks vernichtet sich mit dem Walzer selbst auch eine ganze »Welt von Gestern«, wie Stefan Zweig die Epoche vorm Ersten Weltkrieg nennt.
Der Zweite Weltkrieg brach aus, während der junge Benjamin Britten an seinem Violinkonzert schrieb. Fahle Paukenschläge künden gleich anfangs Ernüchterung an. »Rather serious, I´m afraid«, kommentierte der Komponist das Werk und verteidigte den Sinn seines Schaffens gerade in Kriegszeiten: »Damit die Menschen an andere Dinge denken könen, als sich gegenseitig in die Luft zu jagen.«
So ging es wohl auch Ludwig van Beethoven, als im Jahr 1809 Napoleons Truppen Wien belagerten. Beethoven vollendete sein 5. Klavierkonzert, während die Stadt bombardiert und erobert wurde. Es wurde sein größtes, sinfonischstes Konzert. Dessen Solopart wird bei den Musiktagen Antti Siirala spielen, 1979 geboren und erster Preisträger der Klavierwettbewerbe in Wien, London, Dublin und Leeds.
Ganz ohne Wettbewerbe hat es indessen der Geiger Matthew Trustler auf die renommiertesten Podien nicht nur Großbritanniens geschafft - 1976 geboren und schon früh als einer der besten seiner Generation gehandelt. Begleitet werden die beiden Solisten vom sinfonischen Stammensemble der Niedersächsischen Musiktage: Die NDR-Radiophilharmonie spielt unter der Leitung ihres Chefdirigenten Eiji Oue, der in diesem Jahr auch in Bayreuth debütiert.
»Krieg und Frieden« ist das Thema der 19. Niedersächsischen Musiktage - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor hoch aktuell. Vier Wochen lang macht sich Niedersachsens größtes Musikfestival in über 70 Konzerten auf die Suche nach Krieg und Frieden in allen Epochen und Genres. Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.
Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.