15.07.2005
Klagelieder und Totentänze
François-Joël Thiollier bei den Niedersächsischen Musiktagen
François-Joël Thiollier, einer der herausragenden Pianisten unserer Zeit, spielt zum Thema »Krieg und Frieden« auf den 19. Niedersächsischen Musiktagen ein außergewöhnliches und vielschichtiges Programm: Werke von Bach, Liszt, Skrjabin, Ravel, Granados und Imbad Husayn sind zu erleben in der Ritterakademie in Lüneburg.
Im Mittelpunkt des Konzertes steht das 20. Jahrhundert. Der Erste Weltkrieg, die folgenschwere Katastrophe, die zum ersten Mal ganz Europa in die Barbarei stürzte, wird reflektiert in Maurice Ravels La Valse: ein apokalyptischer Totentanz als musikalisches Sinnbild für ein Europa, das seinem Untergang offenen Auges entgegenwirbelt.
Auch ein Opfer dieses Krieges kommt zu Wort: Der spanische Komponist Enrique Granados befand sich 1916 auf der Rückreise von New York nach Europa, als sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt wurde. Granados ertrank in den Fluten des Ärmelkanals.
Klavierstücke für die linke Hand reflektieren darüber hinaus das Thema Existenz zerstörender Kriegsverletzungen, wie sie dem Pianisten Paul Wittgenstein 1916 zugefügt wurden: Er verlor seinen rechten Arm.
Franz Liszts Funérailles dagegen sind ein pianistischer Trauergesang auf die Opfer der Revolutionsjahre 1848/49.
Im Zeichen von Frieden und Versöhnung stehen zum Abschluss eines außergewöhnlichen Klavierabends die Variationen in Raag-Marva des mit Thiollier befreundeten Imbad Husayn, der in den 1980er Jahren Mitarbeiter der Pakistanischen Botschaft in London war, dann aber seinen Posten aufgab, um sich ganz seiner Geige zu widmen.
François-Joël Thiollier zählt zu den erfolgreichsten und meist beschäftigten Pianisten unserer Zeit. Der gebürtige Franzose spielte sein erstes Konzert mit fünf Jahren, er gewann mit »Reine Elizabeth« und »Tschaikowsky« die zwei weltweit bedeutendsten Musikwettbewerbe und tritt seitdem als Solist mit legendären Orchestern - Concertgebouw Orchester Amsterdam, Orchestre National de Paris, Petersburger Philharmoniker - und in Sälen wie der Tokyoter Suntory Hall, der Berliner Philharmonie und dem Théatre des Champs-Élysées in Paris auf.
»Krieg und Frieden« ist das Thema der 19. Niedersächsischen Musiktage - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor hoch aktuell. Vier Wochen lang macht sich Niedersachsens größtes Musikfestival in über 70 Konzerten auf die Suche nach Krieg und Frieden in allen Epochen und Genres. Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.
Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.