08.07.2005
Der Feldherr und der Musiker
Eröffnungskonzert der Niedersächsischen Musiktage mit Concerto Köln
Die Eröffnung von Niedersachsens größtem Musikfestival wird in diesem Jahr im Dom zu Verden gefeiert. Mit einem der weltweit besten Orchester für die klassische Musik. Im Programm: Ein Hit und eine Rarität der Klassik.
Sie waren beide kleine Männer, selbst für ihre Zeit. Der eine maß etwa 160, der andere 165 Zentimeter. Von nobler Herkunft war keiner, und beide entstammten der Provinz. Der eine kam 1769 im korsischen Ajaccio, der andere 1770 im rheinischen Bonn zur Welt. Beide mussten sich erst in Großstädten etablieren, um von dort die Welt zu erobern, jeder auf seine Weise: Napoleon Buonaparte und Ludwig van Beethoven.
Der Komponist hat den atemberaubenden Aufstieg des Feldherrn stets mit Interesse verfolgt, mit Bewunderung – aber auch mit Enttäuschung. Als berühmtestes Produkt dieser Faszination gilt die »Eroica«, Beethovens dritte Sinfonie von 1803. Ursprünglich war sie Bonaparte gewidmet. Doch diese Widmung soll Beethoven 1804 zerrissen haben aus Wut über den Verrat an den Idealen der Französischen Revolution, als Napoleon sich zum Kaiser machen ließ. Tatsächlich aber wollte sich Beethoven seine Wiener Gönner sichern zu einer Zeit, als der nächste Krieg gegen Frankreich sich abzeichnete. Und auch die ursprüngliche Widmung an den Feldherrn erwog Beethoven im Jahr zuvor aus taktischen Gründen. Da wollte er nämlich noch nach Paris ziehen…
Indessen ändert das nichts daran, dass die Umbrüche zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zwischen Krieg und Frieden, auch Beethovens bis dahin revolutionärste Musik prägen - und dass er Napoleon Bonaparte, den Großen aus kleinen Verhältnissen, wie einen Spiegel seiner selbst gesehen haben mag.
Wie andere Komponisten dieser Epoche auf die Zeitläufe reagierten, zeigt der zweite Teil des Musiktage Eröffnungs-Programms mit Paul Wranitzkys wenig bekannter und noch seltener gespielter »Grande Sinfonie charactéristique pour la Paix avec la République française«, deren Aufführung von Kaiser Franz I. anno 1797 per Erlass verboten wurde. Der Erlass gilt nicht mehr - und so wird das international gefeierte Ensemble Concerto Köln die Besucher des Eröffnungskonzertes mit Beethoven und Wranitzky ganz nah an die Bruchstellen europäischer Geschichte heranführen.
»Krieg und Frieden« ist das Thema der 19. Niedersächsischen Musiktage – 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor hoch aktuell. Vier Wochen lang macht sich Niedersachsens größtes Musikfestival in über 70 Konzerten auf die Suche nach Krieg und Frieden in allen Epochen und Genres. Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.
Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.