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freiheit1. - 30. September 2012
 

15.07.2005

Im Auge des Orkans
Die Akademie für Alte Musik Berlin bei den Niedersächsischen Musiktagen

Seit der Maler Adolph Menzel 1852 ein »Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sansoucci« rekonstruierte, weiß man, wie es aussah, wenn der Preußenkönig Flöte spielte. Im Musiktage-Programm ist auch zu hören, was damals erklang - und was ein aufmerksamer Zeitgenosse sich dazu notierte. Charles Burney, britischer Musikreisender, war 1772 Gast im Palast und schildert Stärken wie Schwächen des 60-jährigen Flötisten, der einer der mächtigsten Männer in Europa war: »Sein Spielen übertraf in manchen Punkten alles, was ich bisher unter Liebhabern, oder selbst von Flötenisten von Profession gehört hatte.« Klarer Ansatz, »brillante Finger«, »empfindungsvoller Ausdruck«. Applaudieren durfte indessen nur Flötenmeister Johann Joachim Quantz, den der Preußenkönig schon 1741 an seinen Hof geholt hatte - auf Menzels Bild steht er als graue Eminenz am Rande - und weitaus besser entlohnte als den jungen Cembalisten Carl Philip Emmanuel Bach. Der bekam 300 Taler im Jahr, Quantz aber 2000.

Der König war kein Freund der Avantgarde, aber ein echter Musikenthusiast, dem die Berliner auch das Opernhaus Unter den Linden verdanken. Der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire, langjähriger Gast am Hof des Preußenkönigs, indessen warnte davor, über der Kunstliebe Friedrichs dessen Kriegslust zu vergessen: »Der Fürst wirft seinen Philosophenmantel weg und greift zum Degen, sobald ihm eine Provinz gefällt.« Mit hohem Risiko, drei Kriegen und hunderttausenden von Opfern machte Friedrich II Preußen zur europäischen Großmacht, und das Berliner Musikidyll nimmt sich inmitten solcher Umwälzungen aus wie das Auge des Orkans.

Dorthin führt im Musiktage-Programm mit der Schauspielerin Christine Marx ein Ensemble, dem der genius loci wahrhaft vertraut ist: Die 1982 in (Ost-)Berlin gegründete Akademie für Alte Musik zählt zu den international renommiertesten Formationen historisch orientierter Praxis und zu den innovativsten. So wurde die Akademie jüngst an der Berliner Staatsoper für die Produktion von Purcells »Dido and Aneas« mit der Choreographin Sasha Waltz umjubelt. Mit Opern-Weltstar Cecilia Bartoli hat die Akademie mehrfach konzertiert. Im Mai 2005 debütierten die Musiker auf den prominentesten Podien der USA von Los Angeles bis New York.

»Krieg und Frieden« ist das Thema der 19. Niedersächsischen Musiktage - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor hoch aktuell. Vier Wochen lang macht sich Niedersachsens größtes Musikfestival in über 70 Konzerten auf die Suche nach Krieg und Frieden in allen Epochen und Genres. Die Niedersächsischen Musiktage werden veranstaltet von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung der niedersächsischen Sparkassen.

Auch in diesem Jahr wird der NDR als Medienpartner der Niedersächsischen Musiktage über das Festival in den Programmen NDR Kultur, NDR 1 Niedersachsen und Hallo Niedersachsen berichten.