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freiheit1. - 30. September 2012
 

Janácek statt Stefan Mross – warum andere Länder viel glücklicher mit ihrer Volksmusik sind

Die Deutschen haben ja immer ein Problem, sobald es ums Nationale geht. Die Stolz-Debatte hat es einmal wieder gezeigt: Entweder sie schreien zu laut und gelten als Chauvinisten oder sie sind zu leise und erklären damit ein nationales Lebensmittel für nicht vorhanden. Nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft, da dürfen alle Deutschen stolz sein - wenn Rudis Jungs denn gut spielen.

Das Problem hat viele Seiten. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist nur eine und eine junge dazu. Schon die Auslösung von Hoch- und Volksmusik, die nirgendwo so stark betrieben wurde wie hierzulande, führte zu einer seltsamen Dialektik: Aus der Volksmusik kommen durfte die Hochmusik noch so gerade. Aber Harfe, Akkordeon und Hubers Tuba auf der Bühne? Zu heile schien da die Welt, die doch bitteschön von Atomsprengköpfen und Bürgerkriegen, von AIDS und MKS bedroht wird.

Da aber das Volk mit Musik bedient werden wollte, übernahm die Industrie des Volkstümlichen die Rolle und brach der wirklichen Volksmusik - wie sie im Harz die Bergleute, an der See die Fischer, im Süden die Blasmusik und natürlich überall die Großväter machten - fast das Genick. Stefan Mross und Stefanie Härtel boten nicht nur selige Melodien, sondern auch gleich Herz- und Schmerzgeschichten für das Gelbe Blatt. Den Volksmusikentfremdeten boten sie einen lustigen Mix aus Jeans und Jankerl, und wer denn so gar nicht warm werden wollte mit der Terzenlast aus der volkstümlichen Fabrik, dem boten Schürzenjäger und Almdudler Tümelndes im Poppigen Gewand.

Um wie viel reicher sind da EU-Beitrittskandidaten wie Polen, Slowenien und Tschechien: Selbst der in Deutschland zum Star der volkstümlichen Hitparaden avancierte Slavko Avsenik ist in den slowenischen Bergen einer von vielen heimatstolzen Oberkrainern.

Einen überzeugenden Weg der Verbindung von Volksmusik und Kunstmusik bietet das tschechische Skampa-Quartett. Die vier Elite-Musiker aus Prag verbinden die zwei Streichquartette des Romantikers Leoš Janácek mit Volksmusik aus Mähren. Diese Begegnung hat schon der Komponist provoziert: Er zog in jungen Jahren durch die Heimat und sammelte Volksmelodien aus Hain und Flur. Es entstand nicht nur eine Sammlung der mährischen Volksmusik, sondern auch gleich eine neue Tonsprache. Die Begegnung der ehrlichen Volksmusik mit einem großen Verehrer zeigt, wie viel selbstverständlicher den Künstlern die Klänge ihrer Heimat sind. Hier bekommt kein Geiger spitze Finger wenn er Musik aus der Dorfkneipe spielen soll, denn hier liegen die Wurzeln für seine Kunst. Zu erleben sind die vier Künstler aus Prag auf den 15. Niedersächsischen Musiktagen.

Konzerttermine:

3. September 2001, 20 Uhr in Scheessel, Kirche
4. September 2001, 20 Uhr in Freiburg/Elbe, Kunstverein Kehdingen
5. September 2001, 20 Uhr in Hermannsburg, Bauernhaus der Heimvolkshochschule